"Aber, aber, aber,..." Entspann dich, das geht schon!

"Aber, aber, aber,..." Entspann dich, das geht schon!

Linda Greer ist Wissenschaftlerin beim NRDC (Natural Resources Defense Council) in New York. Zusammen mit der Fair Wear Foundation hat sie in einem Interview ein paar Tipps zusammengetragen, wie man ein nachhaltiger, mitdenkender und bewusster Konsument wird. Wir haben versucht es so einfach und gut wie möglich zusammen zu fassen. Aber zuerst solltest du wissen, dass es keine Definition davon gibt, wie man sich nachhaltig kleidet.

Einige Leute halten Bio-Baumwolle und Fair-Trade-Mode für das Wahre, während andere kritisieren, dass die Artikel für die meisten Menschen viel zu teuer sind. Einige plädieren dafür, nur Vintage bzw. Second Hand zu kaufen...aber sollten nicht auch kleine Indie-Marken/Designer bei ihren Bemühungen, umweltfreundlich zu sein, unterstützt werden? Einige Experten bejubeln die nachhaltigen Signale, die internationale Marken mit scheinbar kleinen Verbesserungen in der Lieferkette senden, während andere diese kleinen Verbesserungen als astreines Greenwashing bezeichnen.

Aber das ist die Sache: Selbst die leidenschaftlichsten Experten in diesem Bereich glauben nicht, dass es einen Weg gibt, Nachhaltigkeit "richtig" zu machen. Und wenn die Profis keine Antwort haben, was soll der Rest von uns - d.h. Menschen, die sich für Mode, aber auch für den Planeten interessieren - tun?

Linda Greer gilt als ausgesprochene Expertin für nachhaltige Mode. Sie startete 2009 das auf Mode ausgerichtete "Clean by Design" -Programm des NRDC, um die Wasser- und Luftverschmutzung in chinesischen Bekleidungsfabriken zu beseitigen, und hat zudem einen Master in Umweltwissenschaften und Ingenieurwissenschaften als auch einen Doktortitel in Umwelttoxikologie. Wenn jemand die wissenschaftlich Art versteht, sich nachhaltig zu kleiden, dann ist es sie.

Aber wie oben schon erwähnt, musst du dir keine Sorgen machen: Das mit dem nachhaltig Kleiden geht schon und du brauchst keinen Doktor, um die Infos zu verstehen. Denn wie sich herausstellt, braucht ein nachhaltiger Modekonsument weniger Arbeit als du denkst - eigentlich brauchst du nur eine Stimmt!

Du hast die Macht.

"Verbraucher haben absolut die Macht, die Industrie zu verändern", sagt Greer.

Laut dem letztjährigen Bericht Pulse of the Fashion Industry hat die Modeindustrie 1,715 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2015 in die Luft geblasen. "Die Leute denken nicht darüber nach", sagt sie. "Sie denken, ich fahre ein Auto und fliege in einem Flugzeug, und ich heize mein Haus, aber in der Mode ist ebenfalls viel Kohlenstoff enthalten. Und wenn sie viel Mode kaufen, ist ihr CO2-Fußabdruck immens."

Laut Greer ist die Modeindustrie auch der zweitgrößte Verschmutzer von Wasser in China. (Die Chemie-Industrie ist die Nummer eins.) Als Verbraucher kennst du wohl weder die Namen noch Kontaktinformationen von Chemie-Fabriken, aber du folgst vielen Modemarken auf Instagram, die in Asien produzieren - und du kannst diese Macht nutzen, um ihnen zu sagen, dass dir das Thema Umwelt-, Klimaschutz und Nachhaltigkeit nicht egal ist und sie für diese Probleme Verantwortung übernehmen sollen.

Mach dir keine Sorgen darüber, (nicht) alles zu wissen.

"Das erste, was die Verbraucher fragen, ist: Woher weiß ich, was ich kaufen soll? Und das ist genau die richtige Frage - [aber] ohne Antwort ", sagt Greer.

Denn im Moment gibt es kein universelles Fashion-Labeling-System - keine Möglichkeit, Marken miteinander zu vergleichen, keine übergreifende Zertifizierung und kaum Transparenz. Die Sustainable Apparel Coalition arbeitet daran, aber bis sie ihr System veröffentlichen, bleibt das alles nur ein Ratespiel.

Der Bericht Pulse of the Fashion Industry aus dem letzten Jahr versuchte, alle verschiedenen Materialien "aufzubrechen", um deren Einfluss auf die Umwelt beurteilen zu können, aber es gab zwei eklatante Auslassungen: Giftigkeit und Lebensdauer - sprich, was passiert mit deiner Kleidung, wenn du sie nicht mehr trägst. Der diesjährige Bericht sagt einfach: "Jede Faser...hat ihre Vor- und Nachteile." Und dann ist da noch Verarbeitung, Färben, Veredeln, Verschicken...

Wir werden nicht einmal versuchen, dir einen umfassenden Überblick über die besten Stoffe zu geben, die du kaufen könntest. "Wir wollen nicht, dass du enzyklopädisches Wissen in deinem Kopf brauchst", sagt Greer. "Wir wollen nicht, dass sich die Leute durch dieses Problem schlängeln müssen. Was wir wollen, ist die Transformation der Branche." Daher schlägt sie auch vor, dass man ruhig mal, statt sich ein neues T-Shirt zu kaufen, das Geld an eine NGO spenden kann. Diese setzen sich aktiv für unseren Planeten, saubere Lieferketten und Veränderungen in der Branche ein - und da zählt jeder Cent. Greenpeace beispielsweise ist erfolgreich, Marken davon zu überzeugen, giftige Chemikalien bei der Produktion weg zu lassen, Canopy rettet gefährdete Regenwaldbäume davon, als Rayonviskosegewebe zu enden, und der NRDC versucht, Versorgungsketten zu bereinigen.

Es muss schneller gehen.

Linda Greer überrascht aber auch mit Aussagen, wie dieser: "Es ist nicht mehr effektiv, auf Regierungsebene gegen die globalen Lieferketten zu arbeiten." Warte, ist sie nicht eine Aktivistin?

"Ich glaube nicht, dass Regierung die Antwort ist. In der Tat, meine ganze Karriere bis zu diesem Projekt, habe ich Politik gemacht. Ich bin überall dabei", erzählte sie.

Bei den meisten Problemen - Körperpflegeprodukte, Spielzeug, Autos - ist bereits eine Art Gesetz in Arbeit oder bereits auf dem Tisch. Mode ist anders. Es ist ein brandneues Diskussionsthema, aber es ist auch ein dringendes Thema.

"Gerade jetzt, während ich mich auf der Welt umsehe, sehe ich wirklich keine Regierungen, die bereit sind, aufzustehen", sagt Greer. "Wir haben ein wirklich akutes Problem mit dem Klimawandel. Wir werden die Erde wortwörtlich schmelzen, wenn wir das Thema nicht wirklich schnell anpacken und entgegensteuern. Ich denke, der schnellere Weg, um dorthin zu kommen, wo wir mit der Politik schon längst sein sollten, ist, den privaten Sektor zur Verantwortung zu zwingen."

Mach dir keine Gedanken über den Boykott.

Du hast also gehört, dass deine Lieblingsmarke etwas Schlechtes macht. Vielleicht gab es ein kleines Feuer in einer Fabrik oder sie hat mit einer umweltverschmutzenden Fabrik in China zusammen gearbeitet. Viele besorgte Verbraucher werden sagen, dass sie dort nicht mehr guten Gewissens einkaufen können. Aber selbst wenn du dich von jeder nicht-nachhaltigen Marke da draußen distanzieren würdest (was ja, eine Menge von ihnen ist), hilft das noch nicht, das Problem zu lösen.

"Da ist dieser Ausdruck: Wer kauft, kümmert sich nicht, und wer sich kümmert, kauft nicht", sagt Greer. "Das ist nicht gut! Wir brauchen diejenigen, die kaufen, um die Wirkung zu erzielen. Wenn man nicht kauft, dann kann man kein Hebel für Veränderungen sein."

Warum sollte eine Marke dir zuhören, wenn du ihnen sagen: "Ich habe noch nie hier eingekauft und werde es nie tun?" Es ist mächtiger, die Firma per E-Mail zu kontaktieren oder zu twittern und zu sagen: "Ich werde bei Ihnen einkaufen, wenn Sie Schritte unternehmen, um Folgendes zu beheben." Dann hängst du geradewegs eine Karotte der Veränderung direkt vor ihre Nase.

Danke für Mühen.

Es gibt keine perfekt nachhaltige Modemarke. Sie existiert einfach nicht. Als Greer auf die Frage antwortet, ob es okay ist, von einer Marke zu kaufen, die sich etwas Mühe gibt Nachhaltig zu sein, sagte sie fast schon wütend, Ja!

"Ich denke, wenn du weißt, dass sie auf dem Weg zu etwas Ernsthaftem sind, ist es in Ordnung. Denn perfekt könnte der Feind des Guten sein", erklärt sie.

Mit der Sustainable Apparel Coalition-Website findest du einen guten Ort, um Marken mit guten Vibes zu finden. Wobei man auch hier aufpassen muss, denn auch Marken wie H&M sind vertreten, die bekanntlich noch einen weiten Weg vor sich haben. Es ist eine Industriekoalition von Marken, die ihre Nachhaltigkeit verbessern wollen. Zum Beispiel wird H&M als "Es ist ein Anfang" eingestuft, weil es seine CO2-Emissionen misst und ausweist und neben vielen anderen Initiativen den Abbau toxischer Chemikalien aus seiner Lieferkette anstrebt, aber immer noch überwiegend konventionelle Materialien verwendet. Anthropologie wird wegen eines völligen Mangels an Transparenz als "wir vermeiden" eingestuft und Raven+Lily bekommt eine "großartige" Bewertung, weil ihre umweltfreundlichen Produkte von Frauen gemacht werden, die einen fairen Lohn erhalten.

Stelle eine Frage. Irgendeine Frage.

Was, wenn du wirklich von einer Marke kaufen möchtest, aber du hast ein schlechtes Gefühl bei ihr? Das ist ein starkes Gefühl und du solltest es nutzen.

"Marken machen heutzutage große Anstrengungen, um eine gewisse Aura mit ihrer Marke zu verbinden", sagt Greer. "Sie wollen, dass die Leute ihre Marke kaufen, nicht nur die Bluse, weil es eine schöne Bluse ist, sondern aufgrund dessen, was sie darstellt, ein Gefühl von Identität, etc. Das macht sie äußerst sensibel für die Sorgen der Kunden über die nachhaltigen Auswirkungen dessen, was sie tun. Deshalb denke ich, dass sie etwas ändern würden, wenn sie von einer großen Anzahl ihrer Kunden hören, dass etwas nicht in Ordnung ist."

Lass die Marken wissen, was du denkst. Frage sie per E-Mail, Facebook, Twitter oder Instagram, was sie tun, um ihre Nachhaltigkeit zu verbessern und wie die Fabriken beschaffen sind. Wenn du nur eine Frage stellst - irgendeine Frage - zeigst du ihnen, dass du aufmerksam bist.

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